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Im Sturm zur Ruhe kommen

Der Himmel scheint in Aufruhr zu sein, die starken Farben beruhigen das Bild. Was daran Wienerisch ist, erklären Ihnen die Designer Lilli Hollein und Markus Eiblmayer im Interview. Lauschen Sie den Ansätzen der Direktorin der Vienna Design Week und Ihres Ehemannes. Erleben Sie das Zimmer 67 in nachfolgendem Video.

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Das Interview zum Lesen finden Sie unten nach den Fotos.

Das Gespräch in voller Länge

 

Wieso haben Sie sich für eine Zusammenarbeit mit dem Altstadt Vienna entschlossen?    

 

LH: Eine Zusammenarbeit mit einem Hotel in Wien, das sich mit der Thematik Wien und Design befasst, ist mir ein großes Anliegen. Dies sind Themen, die mich und uns bewegen und da ist das Altstadt Vienna die Adresse in Wien, wenn es darum geht sich in einer Stadt zu Hause zu fühlen. Mit dem passenden Konzept in bestehende Räume einzuziehen. Insofern war das Altstadt Vienna in der Reihe der sehr geschätzten und design-affinen Hotels in Wien ein Partner der besonders auf der Hand liegt.

 

Welche Vorgaben hatten Sie seitens des Bauherrn, seitens des Altstadt Vienna?

 

LH: Gefragt waren Zimmer, die durch ihre Autorinnen und Autoren geprägt sind und eine spezielle Atmosphäre haben. Wir haben beide versucht, einfach die österreichische Design-Szene einziehen zu lassen und in dieser Form auf den Wunsch des Bauherrn zu reagieren. Dadurch haben wir eine sehr persönliche Note eingebracht. 

Wie ist der rote Faden im vielfältigen Design des Altstadt Vienna – das Wiener Lebensgefühl – in diesem Zimmer umgesetzt worden?

ME: Ich denke, dass besonders Gute an der Vorgabe war der große Raum mit dieser Raumhöhe, die so auch typisch für ein Haus aus der Gründerzeit in der Wiener Altstadt ist. Ein großer Raum mit dem man arbeiten kann, in dem man auch alles was ein Hotelzimmer braucht unterbringt ohne das es beengt wirkt. Das ist das Interessante, diese großen Wohnungen die es hier gibt. Wenn man diese jetzt vergleicht mit Hotelzimmern in England, die immer so klein sind, in denen man sich kaum bewegen kann, dann ist diese hier Größe sehr besonders. Wir haben dies nun gezielt mit entsprechenden nicht typisch wienerischen, aber für die Stadt sozusagen für das Lebensgefühl typischen Möbeln, ausgestattet.


LH: Eben dieser nicht standardisierte Grundriss und dass im Hotel kein Zimmer dem anderen gleicht stellt den Bauherren vor Herausforderungen. Er muss aus diesen alten Wohnungsgrundrissen Hotelzimmer bereit stellen, die alle Annehmlichkeiten haben, die ich mir von einem Hotel dieser Kategorie erwarte. Dies ist ein Spagat, der aber vielleicht auch gerade deshalb immer wieder gut angenommen wird, weil alle Zimmer-Designer des Altstadt Vienna diese Herausforderung gerne meistern möchten. Wie baue ich ein Bad in ein Zimmer, gebe dem Zimmer eine Luftigkeit, eine Eleganz und trotzdem Lokalkolorit und dann auch noch eine persönliche Note? Ich glaube, dass der Bauherr hier seine Auftragnehmer in bester Art und Weise fordert und das hat was Spielerisches. Deswegen laufen hier manche zur Höchstform auf.

ME: Hinzu kommt, dass wir durch diese großzügige Fläche die Möglichkeit haben, die Möbel als Objekte einzeln im Raum zu platzieren. Keine unschönen Einbaulösungen, abgesehen natürlich vom Bad und auch das ist hinter der Spiegelwand, die den Raum noch einmal vergrößert, verborgen. In diesem Zimmer sind alle Möbel mobil – und das ist klasse.

Ihr habt vorhin von Autorinnen und Autoren gesprochen, die wir hier zur Geltung bringen wollen. Was gibt es denn, wollt ihr uns hierzu etwas mehr erzählen, zu den verschiedenen Protagonisten?

LH: Als Direktorin der Vienna Design Week stehe ich zum einen für internationales Design, aber zum anderen natürlich auch stark dafür, die Szene dieses Landes zu fördern und vor den Vorhang zu holen. Daher haben wir das Zimmer in einer gewissen Weise als Bühne konzipiert. Es hat diesen dramatischen Wolkenhimmel von einem der Urväter des zeitgenössischen Designs - Piero Fornasetti - also in dem Fall von „Cole and Son“ mit dieser Wolkentapete, die einen ja ein bisschen runterziehen könnte, tut sie aber nicht. Wir haben auch mit ein paar Versatzstücken gearbeitet haben, die von anderen Urvätern kommen. Da wird es schon lokaler zum Beispiel mit dem Spiegeltrick von Adolf Loos: Wie erweitere ich einen Raum? Durch einen Spiegel! Das haben wir uns hier zu Nutze gemacht.

Das persönlichste Stück in diesem Zimmer ist der Teppich, den Markus und ich gemeinsam entworfen haben. Er bildet einen Kontrast zur Wolkentapete. Zum einen hat er das Attersee-Grün, aber zum Anderen nimmt er eine ganze Reihe von Farben aus dem Zimmer auf.

Darüber hinaus kommen ein paar wesentliche Protagonistinnen und Protagonisten der österreichischen Design-Szene vor - sowohl aktuell als auch aus vergangener Zeit wie Loos und Fornasetti. Die Werkstätte Carl Auböck ist mit den Stehleuchten und Nachtkästchen-Leuchten vertreten. Ganz zeitgenössisch sind die Luster von Chmara.Rosinke. Diese greifen die Spiegelthematik wiederum auf eine ganz andere Art und Weise auf. Wir haben einige Stücke aus der Interio Kollektion untergebracht, die die Vienna Design Week mit Interio gemacht hat. Dazu gehören Stücke von österreichischen Designern und in Österreich produzierte Möbel. Wir haben einen Sekretär von March Gut, etwas von Diwan und von Patrycja Domanska und Wandhaken von Patrick Rampelotto. Mit Raf Simons Stoffen für Kvadrat oder mit Bouroullec, deren Corniche wir als Nachtkästchen verwendet haben, kommt auch noch ein bisschen internationales Flair dazu.

Die Karak-Fliesen im Bad stammen von einem österreichischem Start-Up, das mit einer ganz speziellen Technik arbeitet. Sie sind von zeitgenössischen Grafikern gemacht und gleichzeitig eine Hommage an die österreichische Designgeschichte. Die Stühle von Marco Dessi, die er für Wittman entworfen hat, sollten auch noch Erwähnung finden. Insofern kann man auch kleine Zimmer-Partys feiern, denn genügend Sitzmöglichkeiten dafür gibt es definitiv.

Wenn wir jetzt kurz zum Gast wechseln, der sozusagen in den Genuss kommt dieses Zimmer gebucht zu haben, wen seht Ihr dann, wen wünscht Ihr Euch hier und wie soll sich dieser Gast hier fühlen?

ME: Also wir sind beide als häufige Hotelbesucher davon ausgegangen ein Zimmer zu machen, in dem auch wir uns wohlfühlen würden und wo es viele Möbel und Annehmlichkeiten gibt, die man sonst vielleicht vermisst. Zum Beispiel, dass man sich an einen Schreibtisch setzen kann, dass man sich bequem zu zweit auf einen Stuhl setzen kann, dass es Ablageflächen gibt, dass es aber auch vielleicht abseits des Bett einen Bereich gibt, um sich entspannt hinzusetzen, dass es ein gutes, warmes Licht gibt, dass es eine großzügige Atmosphäre hat etc.. Wahrscheinlich sind es nicht die Technologie-affinen Gäste, die dieses Zimmer schätzen werden, denn dazu ist es zu viel analog. Jeder der sich ein Bild von Wien machen will, wie es ist und wie die Stadt in seiner ganzen Internationalität und in seiner lokalen Tradition funktioniert, der wird sich in dem Zimmer sehr wohlfühlen. Grundsätzlich ist dies schon ein Zimmer, welches für ein Paar konzipiert ist. Es ist alles großzügig, es ist alles doppelt vorhanden, man kann auch zu zweit hier gut wohnen, ohne, dass es zu eng wird.

LH: Dem muss ich natürlich zum Teil widersprechen. Ich finde, nachdem ich sehr viel Zeit in Hotels alleine verbringe, ist das Verhältnis zwischen mir und dem Zimmer entscheidend. Ich finde es ist ein Zimmer, in dem man sehr gut alleine sein kann und in das man im Idealfall vielleicht mit seiner Familie wieder zurückkehrt. Etwas, was uns an der Thematik Hotelzimmer auch Spaß gemacht hat ist, dass man vielleicht ein paar Mittel einsetzt, die man in seinem alltäglichen Lebensraum nicht tun würde. Jeden Tag des Jahres mit einer solchen Wolkentapete zu beginnen würde man wahrscheinlich nicht wollen. Für die paar Tage, die man in einem Hotelzimmer verbringt, ist sie vielleicht prägend, dass finde ich eigentlich wesentlich. So wie sich für mich die Eindrücke einer Stadt manifestieren, so finde ich es auch schön, wenn Erinnerungen an Hotelzimmer zurückbleiben, die eben auch noch eine weitere Verknüpfung zu etwas lokalem haben. Das heißt, die Person die in diesem Zimmer übernachtet, ist ein bewusster Gast, der bereit ist sich mit der Stadt auseinander zu setzen, aber gleichzeitig auch mit diesem Zimmer um vielleicht darauf zu kommen: „Ach das haben Design-schaffende entwickelt, die in dieser Stadt leben, die aus dieser Stadt kommen, das sind Referenzen an diese Stadt.“ Eine gewisse Design-Affinität ist sicher nicht falsch für Benutzer dieses Zimmers.

Wie einig wart Ihr Euch mit diesem Entwurf, wie funktionierte es sozusagen hier als Paar zusammenzuarbeiten?

LH: Das musst Du jetzt beantworten.

ME: Wir waren uns eigentlich von Anfang an einig, in dem wie wir arbeiten und auch was wir für diese Einrichtung auswählen. Ein paar Dinge haben sich einfach aus der Funktion ergeben. Die Stelle des Badezimmers war vorgegeben. Wir haben dann aber natürlich sehr darauf geachtet, dass es in den Raum so integriert ist, dass es großzügig und ein eigener Raum ist. Die Einrichtung an sich hat sich dann im Dialog ergeben. Ich hatte einen Vorschlag dafür, Lilli einen Vorschlag dafür: „Was nehmen wir für eine Lampe, welche Farben wählen wir, für welchen Schreibtisch entschieden wir uns? Brauchen wir den Schreibtisch überhaupt? Ja, wir brauchen den Schreibtisch. Wie ist das mit dem Sofa, kommt ein zusätzliches Sofa?“ Es sind also einfache Dialoge gewesen, in welchen wir uns aber eigentlich sehr einig darüber waren, wie es aussehen soll, wie wir es dann auch in Funktion sehen wollen und wie es benutzt werden soll.

LH: Wir waren uns in vielem einig und selbst in der Uneinigkeit sind wir ein eingespieltes Team. ME: Das Schönste war natürlich am Schluss die Zusammenarbeit an dem Teppich, den wir dann wirklich in richtig gemeinsamer Kooperation entworfen haben. Das war eine wirklich sehr gute Zusammenarbeit, bei der wir immer 20 verschiedene Farbstellungen hatten und immer weiter gegangen sind.


LH: Wir haben uns jetzt sogar auch einen für Zuhause machen lassen.

ME: Wir wollen nämlich auch so ein Zimmer zu Hause.

LH: Es ist nicht so, dass wir oft zusammenarbeiten. Unsere letzte Zusammenarbeit liegt zirka 18 oder 19 Jahre zurück und das war ganz am Anfang unserer Beziehung. Es war einfach sehr schön einen Raum, den man anderen Leuten zur Verfügung stellt, gemeinsam zu konzipieren.

ME: Das Spannende war eben, dass wir beide aus der gleichen Thematik kommen, Industrie-Design studiert haben, eigentlich eine ganz ähnliche Ausbildung haben, aber sehr unterschiedliche Dinge machen. Lilli mit der Vienna Design Week und ich bin für einen großen Büromöbel-Hersteller in Österreich tätig. Jeder hat seine Erfahrungen aus seinem Berufsumfeld in das Projekt mit eingebracht. Interessant ist auch, dass man einen sehr spielerischen oder sehr pragmatischen Zugang haben kann, den man dann auch gegenseitig verstehen muss. 

LH: Wir haben da auch die Erfahrung, dass man diese zwei Temperamente im Zusammenwohnen zusammenbringt. Das ist eine Idealvoraussetzung für eine Hotelzimmerplanung, in der der Pragmatismus und der leidenschaftliche Zugang in einem Raum zusammen finden. 

Die erste Zusammenarbeit seit 18 Jahren… heißt das die nächste Zusammenarbeit findet 2034 statt?

LH: Das kommt auf die Expansion des Hotel Altstadt Vienna an.
ME: Es ist durchaus denkbar, dass wir beide, bei einem speziellen Projekt eine weitere Kooperation machen. Aber ich glaube es ist nicht der Plan in Zukunft gemeinsam zu arbeiten.

LH: Es war nicht so traumatisierend, dass wir wieder 19 Jahre warten müssen, aber ich glaube es braucht einen speziellen Anlass. Es war einfach ein Projekt, am dem man sich freut so etwas zusammen zu machen, weil es durchaus eine private Themenstellung ist. Ein Hotelzimmer ist eben ein Privatraum auf Zeit und insofern finde ich es sehr schön einen Sparring Partner für die Planung gehabt zu haben.

ME: Natürlich hat es auch etwas mit gegenseitiger Rücksichtnahme zu tun. Dadurch kommt man dann natürlich zu sehr interessanten Lösungen.

Abschließend jetzt noch, was könnt Ihr uns über die Zusammenarbeit mit den einzelnen, „AutorInnen“ erzählen? Wie seid Ihr an die einzelnen Protagonisten herangetreten und wie standen die zu dem Projekt?

LH: In vielen Fällen lief der Kontakt direkt über die Design-Schaffenden, die alle mit sehr großer Offenheit und großer Freude an dem Projekt teilgenommen haben - beispielsweise Stücke aus der Galerie oder Dinge aus der Auböck Werkstätte. Die Dinge kommen aus ganz unterschiedlichen Ecken und sind von Herstellern ganz unterschiedlicher Größenordnung. Sowie die Karak-Fliesen, die gerade erst so richtig Fahrt aufnehmen und andere Manufakturen seit Generationen im Business sind. Es war eine sehr geschmeidige Zusammenarbeit. Ich glaube, dass alle mit denen wir zu tun hatten, diese Idee sehr stark mitgetragen haben, dass ein Hotel in Wien auch immer wieder versucht etwas Besonderes in Wien und für Wien zu schaffen. Es waren alle enthusiastisch lokale Produktionen einzubinden. Außerdem muss man sagen, dass wir alle Beteiligten in einer gewissen Weise auch gefordert haben. Kurz vor Weihnachten mit relativ kurzen Lieferzeiten musste man die Teilnahme an dem Projekt auch ein bisschen sportlich sehen.

ME: Das kann ich nur bestätigen. Die Zusammenarbeit mit den ausführenden Firmen und Lieferanten war sehr gut. Alle waren eigentlich sehr positiv auf dieses Projekt eingestellt und haben sofort sehr schnell die Kosten, Lieferzeiten und alle die Dinge, die sonst natürlich lange dauern, organisiert. Aber es war schon wichtig persönlich dabei zu sein. Wir sind persönlich zu den entsprechenden Lieferanten gegangen und haben Sachen ausgesucht, Muster geholt und diese dann bei der Baustellen-Party präsentiert. Dieses hier ist ein sehr seltenes Projekt, in welches man sich selbst als Planer mit Engagement hineinstürzen kann, wenn man einen Bauherren hat, der das auch zu schätzen weiß und unterstützt.

Wie steht Ihr zum Thema Kunst im Hotel?

LH: Das ist etwas, was ich nachdem ich von Kindheit an viel in Hotels sein konnte, gelernt habe. Es gibt Hotels, in denen man mit Begeisterung Gast ist und es gibt welche, in denen man lernt gewisse Aspekte einfach auszublenden, die schreckliche Kunst an den Wänden zum Beispiel. Wenn man nun selbst ein Zimmer plant sind diese Gedanken ein wesentlicher Bestandteil. Da wir uns für diese dominante Tapete entschieden haben, hatte ein Kunstwerk letztendlich keinen Platz, was gerade in diesem Fall schade ist.

Der Bauherr verfügt ja über eine wirklich bemerkenswerte Kunstsammlung. Aber da haben die Gäste des Hotels ja glücklicherweise die Möglichkeit an allen anderen Enden des Hotels und in allen anderen Räumen etwas Besonderes zu erleben. Trotzdem hat sich der Entwurf schon sehr stark aus der Idee mit dieser Tapete zu arbeiten heraus entwickelt und dem was es letztlich braucht, um gegen das Bedrohliche zu steuern. Vielleicht ist auch etwas zutiefst Wienerisches darin, einen grauen, wüsten Wolkenhimmel als Thema zu wählen. Es kann nur besser werden, denn böse Zungen behaupten in Wien ist es zehn Monate lang Winter und zwei Monate lang kalt. Also hier ist man immer der sonnige Protagonist des Zimmers. Man bringt immer etwas sehr Positives rein.

Danke für das Gespräch.