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Wien, süß und herb zugleich

Monica Singer und Marie Rahm haben als Duo hinter POLKA bereits erfolgreiche und ikonische Designs für nahmhafte Hersteller kreiert. Im Hotel Altstadt Vienna haben sie ihre erste Einrichtungsarbeit vollendet. Im Gespräch mit Altstadt Vienna-Geschäftsführer Philipp Patzel erfährt man u.a. wieso sich die beiden von der Wienerischen Ambiguität inspirieren ließen. Erleben Sie die Zimmer #51 und #37 in nachfolgendem Video.

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Wollen Sie in einem Zimmer wie #37 oder #51 wohnen? Es handelt sich um Doppelzimmer Large Reloaded. Sehen Sie hier mehr Reloaded Zimmer.


Das gesamte Interview zum Lesen finden Sie unten nach den Fotos.

Das Gespräch in voller Länge

Wie kam es denn zur Kollaboration zwischen Polka und dem Altstadt Vienna?

 

Die Zusammenarbeit mit dem Altstadt Vienna hat auf ganz wunderbare Weise mit einem Telefonanruf angefangen von Otto Wiesenthal, der uns angerufen hat und gesagt hat: Wollen Sie nicht ein Hotelzimmer einrichten? Ohne Vorgaben. Machen Sie einfach. Und das ist wohl der schönste Vorschuss auch an Vertrauensbeweis, den ein Kunde auch an uns geben kann und der sich auf das eingelassen hat auch mit uns zu arbeiten.

Die Möbel, die wir für Wittmann entworfen haben, die haben ihm sehr gut gefallen. Und da hat er recherchiert wer da dahintersteckt und hat uns dann die Zusammenarbeit angeboten. Man hat ganz selten so ein fast blindes Vertrauen. Macht, tut einfach und es gab keine Budgetvorgaben, es gab keine Gestaltungsvorgaben, wir konnten uns damals ein Zimmer von zwei aussuchen. Wir haben dann dieses gewählt weil es einen wunderschönen Blick hat, das hat uns sofort angesprochen.

 

Wie kam es dann zur späteren, zweiten Zusammenarbeit?

 

Das war ein Jahr später, wieder die Frage habt ihr Lust noch ein zweites Zimmer zu machen. Und da hatten wir große Lust, weil es für uns als Designer eine wahnsinnig schöne Aufgabe war. Vom Produktdesign kommend und an Dingen arbeitend, die in der Dimension recht überschaubar sind und sich nun der Stimmung eines Raumes zu widmen war eigentlich eine sehr schöne Idee. Es hat für uns auch eigentlich sehr viel aufgemacht an Gedanken und Inspirationen und Lust auch an Räumen zu arbeiten.  Und ich glaube, dass Gestalter, die vom Produkt kommen anders umgehen mit der Aufgabe einen Raum zu machen, also weniger architektonisch und mehr an den Dingen, den kleinen und mehr im Detail, Augenmerk auf die Details legen. Und dann bietet sich also ein Hotel auch gut an, man hat quasi einen kompakten Raum, wie eine BlackBox die man inszenieren kann drinnen. Weil sonst entwerfen wir ein Möbel und das nimmt dann seinen Lauf und verbreitet sich und steht dann in verschiedenen Umgebungen. Hier konnten wir zu einem Möbel - also es sind hier mehrere von uns, auch einige angefertigt extra für das Zimmer - diese gesamte Bühne entwerfen.

Boutiquehotel Wien, Altstadt Vienna, Design POLKA, Ruhelage

Ihr kommt aus dem Produktdesign und es war eure erste Einrichtungsarbeit.  Als der Anruf kam, wart ihr dann gleich Feuer und Flamme oder musstet ihr erst ein bisschen nachdenken?

 

Nein, sofort, wir wollten sofort. Weil es einfach eine irrsinnig schöne Aufgabe ist und wir einfach von ersten Moment an begeistert waren für das Haus, gleich von der Stimmung die da herrschte. Wir konnten uns gleich vorstellen eine gute Arbeit zu machen.

Wir arbeiten oft an sehr vielfältigen Produkten, an unterschiedlichen Themenfeldern. Aber es gilt immer, diesen Prozess, einen Entwurf, eine Idee für ein Objekt oder einen Raum oder ein Produkt zu haben. Der Entwurfsprozess ist immer ähnlich, der Ideenfindungsprozess.

Und es orientiert sich auch stark immer an den Menschen, weil wir im Vordergrund immer beobachten. Wie gehen Leute mit Objekten und Dingen um, was für Möglichkeiten tun sich auf. Und hier wollten wir auch dem Benutzer Möglichkeiten bieten, sich den Raum selber zu inszenieren und auch zu verändern. Durch dieses Vorhangsystem, wir haben an der Decke verschiedenläufige Vorhangschienen eingezogen, kann man sich dann selber die Blickbereiche zuziehen und öffnen. Und im Zimmer Intimität schaffen. Wichtig war auch, dieses offene Badezimmer durch die Vorhänge abtrennbar zu machen aber auch zu öffnen, sodass man ein kleines Badezimmer so in den Raum hereinholt und man da keine Grenzen mehr hat. Dieser fließende, entspannte, angenehme Grundton war so das erste Motiv, das wir dem Zimmer geben wollten.

Und dann ruhig von dieser Farbstimmung in diesen gedämpften, dunklen Tönen, also relativ farblos bis auf das Bad, das so in rosé erstrahlt. Sonst sind die Farben eher ruhig gehalten, die dann aber doch durch diese vielen Farbflächen eine starke Raumwirkung ergeben.

 

Wenn Zimmer 51 hier eure allererste Einrichtungsarbeit war, seid ihr da ein Jahr danach schon anders an die Aufgabe herangegangen?

 

Nein eigentlich gar nicht.  Dadurch, dass der Raum und die Situation ganz anders waren und wir ohnehin ja auch ein ganz anderes Thema finden wollten. Uns war wichtig und ich glaube, das ist auch im Sinn des Spirits des Hotels, dass wir dann nicht eine gleiche Idee umwandeln, sondern wir wollten dann gerne wieder einen ganz anderen, überraschenden Zugang finden. Und so haben wir dort dann im zweiten Zimmer uns der süßen Seite des Wiener Lebens gewidmet. Wir wollten so einen kleinen Einblick an Gäste geben, die nach Wien kommen, ihnen ein paar süße Hints geben, was es hier so an Spezialitäten, Punschkrapfen, Kuchen und Torten gibt. Die süße Seite Wiens.

Und dann ist der Chocolate Room entstanden, der am Betthaupt eine schokoladentafelartige Lederbespannung hat. Und in dem Zuge, haben wir dann auch noch eine Tortenverpackung fürs Altstadt Vienna entworfen.

Für die Otto Torte.

 

Ja es ging dann bis zur Grafik, die Idee. Im Zimmer 37 gibt’s rote Kirschen so wie bei der Torte, wenn die Garnierung eine Kirsche ist. Es gibt sie dort als Garderobenhänger und Türgriffe und auf der Tortenverpackung ist das dann nur noch als roter Kreis zitiert gewesen also als Punkt, als roter.

Und beim Badezimmer war natürlich der Punschkrapfen unsere große Inspirationsquelle von der Farbgebung und von der Süßigkeit.

 

Als Bauherr haben wir euch tatsächlich viele Freiheiten gelassen. Dennoch ist uns immer ganz wichtig, Wienerische Komponenten und das Wiener Lebensgefühl in das Zimmer einfließen zu lassen. Ist dieses Süße etwas, was sehr verbunden ist mit Wien?

 

Ich glaube es ist eine Mischung, die man in beiden Zimmern vielleicht spüren kann. Es ist so eine gewisse Ambiguität, die Wien sehr auszeichnet. Es ist so süß, aber dann doch auch ein bisschen herb oder hantig oder kantig und es ist offen aber doch auch geschlossen. Also ich glaube diese Widersprüchlichkeit ist auch das was Wien so spannend macht und auszeichnet. Dass es viele so undefinierte Zwischentüren gibt und man reißt was an und man macht ein Zitat. Und dennoch gibt man trotzdem viel Interpretationsspielraum für  den Benutzer oder Betrachter sich da drin zu finden. Und dadurch, dass wir beide in Wien arbeiten und leben und die Stadt jeden Tag atmen, hat man das intus.

Es färbt so ab, Wien färbt ab auf die eigene Arbeit. Man hat ja selten eigentlich in einem Hotel so einen wahnsinnigen Patz in der Höhe zur Verfügung und das merkt man bei all den Zimmern sehr stark.  Die Neubauten sind ja um einige Meter, Zentimeter tiefer. Hier gibt es so ein großzügiges Fenster, so eine Flügeltür. So ein Hotelzimmer einrichten zu können, das man mit einer Flügeltüre öffnen kann… Es ist grade für Leute die von außen kommen hier sehr stark spürbar, dass es eben ein Zinshaus ist und kein Neubau. Oft bleibt dann die Fassade stehen und dann entkernt man. Hier bleibt das alles so schön praktisch und stylish und gleichzeitig kommt der Flair von dem alten Haus in allem noch sehr gut zum Vorschein. Und das merkt man an den Zimmern auch, auch viel von dem Vorhandenen trägt dann bei zu diesem Wiener Flair. Wir haben es halt so eben gestaltet und den Rahmen gegeben.

 

Was möchtet ihr denn vom Interieur des Zimmers hervorheben?

 

Also unten im Chocolate Room sind es zB. die Tortenlampen, die extra für das Zimmer entstanden sind. Die Lampen hier im Zimmer 51 haben wir für eine englische Firma entwickelt und haben diese hier adaptiert mit eigenen Stoffen, also eine Sonderedition gemacht. Der Stuhl „Alma“ ist von uns für Wittmann entworfen worden. Die Möbel, der Schrank, die Ablage, Fernsehschränkchen mit Vorhang auch, die haben wir extra für hier entworfen, auch der integrierte Kühlschrank, die Minibar im Schreibtisch und unten im Zimmer 37, die Lampen und der Teppich in Tortenform.

Eure Handschrift ist ja durchwegs nicht nur in diesen zwei Zimmern im Hotel zu finden, sondern jeder Gast hat ja etwas von euch in der Hand wenn er bei uns wohnt. Unsere schönen Schlüsselbänder.

 

Wir wollten ein markantes und einzigartiges Motiv finden, das wir gut hier sehen. Wir sind dann auf die Ordensbänder gestoßen. Die in einer wunderbaren Pracht und Vielfalt von Farben hier um die Ecke in einer kleinen Werkstatt im Hinterhof produziert wird. Wunderschönste Ordensbänder. Und wir haben dann selber farblich welche zusammengestellt. Jedes Stockwerk hat eine andere Farbe, hat einen anderen Farbcode und dann haben wir ein Altstadt Orden Band entworfen, das ist das rosafarbene und die Idee war dann diese schönen Bänder in so Schlaufen als Schlüsselbänder für die Zimmerschlüssel mit Plaketten zu verwenden. Wir fanden das so schlüssig, dieses alte Orden tragen ist ja doch was recht Österreichisches eigentlich. Es gab hier auch leider wunderschöne Farben die total gesperrt sind, die dürfen nicht verwendet werden, verschiedene Farbkombinationen. Darum haben wir dann eigene Farbkombinationen entworfen für die Zimmer. Jeder Gast hier ist sowas Besonderes, der hat auch einen Orden verdient. Somit bekommt jeder durch die Schlüsselübergabe gleich mal einen Orden verliehen wenn man eincheckt.

 

In einem weiteren Schritt habt ihr euren schönen Ordensband-Entwurf ja für unser Leitsystem adaptiert.

 

Das war dann der zweite Schritt, wo wir euer Leitsystem neugestalten durften. Die Idee war den Farbcode von den Schlüsselbändern auf die Wände zu übertragen, das sind die horizontalen Streifen, die dann zum Teil in Pfeile münden und einen Weg vorgeben, eine Richtung. Es ist ja hier recht spannend sich zurecht zu finden, weil die Zimmer ja durchaus versteckt sind.

Hattet ihr eigentlich beim Entwurf der Zimmer einen bestimmten Lieblingsgast im Hinterkopf? Wer fühlt sich hier wohl und wessen Zimmer ist denn das?

 

Eigentlich sind das wir, finde ich. Da war schon die Herangehensweise eine recht persönliche, in welchem Hotelzimmer würden wir uns wohl fühlen? Also wie hätten wir gern unser Ideal-Hotelzimmer.

Und eigentlich muss sich jeder wohl fühlen, ich glaub gar nicht, dass es dann gut ist so auf eine Person hin zu arbeiten. Man nimmt dann sich so als Ansatz und denkt, wenn es mir, wenn es uns gefällt, dann wird es vielen anderen auch Gefallen. Natürlich, Geschmäcker sind unterschiedlich aber gerade ein Hotel verträgt es gut. Gerade im Hotel kann man Sachen machen, die man zu Hause sich vielleicht gar nicht so trauen würde. Großzügiger.

Und ich glaube es funktioniert gut, wenn man so starke Themen auch findet, dann nimmt man das auch leichter an als Gast und lässt sich drauf ein.

Der Zugang, von sich selber auszugehen - womöglich ein bisschen egoistisch denkt – ist denke ich nicht falsch. Ganz im Gegenteil, allen können wir es nicht recht machen und wollen wir ja auch gar nicht.

Ihr entwerft somit eigentlich für euch und dennoch traut man sich, im Hotel dann Dinge überspitzt umzusetzen. Wohnt ihr dann ganz anders als hier?

 

Ja schon, natürlich. Ich glaube persönlich bei uns zu Hause haben wir so einen Mix von alten geerbten, gefundenen Stücken mit neuen Stücken. Wir hatten es recht bunt, jetzt versuchen wir gerade so ein bisschen Ruhe einzukehren, weil rundherum der Trubel groß ist. Aber ich glaube natürlich wohnt man anders zu Hause, wie man so ein Hotelzimmer entwerfen würde.

Ein Hotelzimmer ist schon meist ein Raum, eine Box. In einer Wohnung ist es hingegen immer eine Abfolge von Räumen gerade in Wien, wenn man im Altbau wohnt, viele hintereinander. Wir wohnen jetzt auch im Vergleich zu dem Zimmer viel farbiger. Ja.

 

Ihr kommt herum und reist viel. Gibt es außer dem Altstadt ein anderes Lieblingshotel und was kann das? Was muss es haben?

 

Wir haben ein Lieblingshotel, wir haben gerade aktuell eines entworfen. Auch ganz spannend, weil es ein ganz unkonventionelles Hotel ist. Das Gästehaus Schloss Lackenbach und zwar ist das in einem Nebenhaus eines Esterhazy Schlosses, eines sehr schönen Wirtschhafts-Schlosses.  Also eher schlicht. Da haben wir 7 Zimmer eingerichtet und da ist auch jedes Zimmer anders, mit einer anderen Farbstimmung, einem anderen Thema zugeordnet und in der Mitte schön groß ein Kochsalon. Es ist jedoch von den Möbeln her ganz anders als hier. Hier sind wir in Wien im 7. Bezirk dort sind wir im Burgenland. Man muss auch diesen Spirit von draußen und der Umgebung drinnen abbilden, dass man sich da wohlfühlt und genau das passende Innere zum Äußeren schafft.

Dort haben wir einen sehr eklektischen Stil in den Zimmern. Eigentlich sehr gemischt, so als würde man bei einem guten Freund zu Hause am Landgut, sehr persönlich unterkommen. Mit sehr definierten und starken Farben und Themen, die wir dann vor Ort reingeholt haben. Botanische Themen, Maulbeere. Wir haben jedes Zimmer dann codiert, es gibt Maulbeere Zimmer und Rosenzimmer und es gibt unten die Tiernamen, der Zimmer, Libelle und Vögel und da schwappt die Natur in die Zimmer hinein, die Umgebung.

 

Ist das schon offen? Kann man da schon hin?

 

Es ist fertig, ja. Seit einem Monat. Es heißt Gästehaus Oberjäger.

Genau. Und sonst so ganz allgemein finde ich bei einem Hotel irrsinnig ausschlaggebend, dass man den Ort und die Stadt spürt in dem es ist. Es gibt nichts Schlimmeres als so eine Hotelkette, wo halt jedes Zimmer dann gleich ist. Es geht ums Wohlfühlen. Wenn man Freunde in der Stadt hat und diese Freunde besucht, ist es immer schön wenn man in so ein Alltagsleben dort eintauchen kann. Ich bin ungern irgendwo ein Tourist. Und das funktioniert hier im Altstadt Vienna sehr gut, man hat das Gefühl man ist mitten drin, man könnte hier auch wohnen.

 

Wollt ihr zum Abschluss noch etwas sagen?

 

Das Tolle ist finde ich, wenn man dann hierher kommt, dass hier von allen Mitarbeitern eine extreme Freundlichkeit und Entspanntheit da ist. Das ist natürlich für ein Hotel ideal und es hat sich auch in der Arbeit so durchgezogen. Es war immer eine gute Atmosphäre, gutes Zusammenarbeiten, man war immer Willkommen und wenn man nur auf eine Melange kam und sich in den schönen Salon setzt. Da habt ihr einfach auch sehr viel Wert hier. 

 

Danke für das Gespräch.